Medienkritik: Wie stehen die Chancen in der Schweiz?

26Nov10

Gestern fand in Zürich die erste Jahresveranstaltung des Vereins Medienkritik Schweiz statt. Die jüngsten Ereignisse rund um die Basler Zeitung, die in den letzten Wochen erfreulicherweise wieder öffentlich geführte Qualitätsdebatte und die Liste der Anwesenden liess auf eine spannende Veranstaltung hoffen. Das Thema „Medien und Demokratie“, das die organisierte bzw. institutionalisierte Medienkritik zur Debatte stellen wollte, war es für mich als Mitgründer und -betreiber einer Online-Plattform für politische Inhalte, Meinungen, Themen und Akteure per se wert, hinzugehen.

Für all jene, die nicht dabei waren, ist dieser Beitrag gedacht. Es ist keine neutrale Beobachtung, sondern ein Bericht des Gesagten mit meinen Kommentaren, die ich aus meiner Warte als Mitbetreiber einer Online-Plattform mache sowie als medienpolitisch interessierter Bürger (der – um auch das gleich transparent zu machen – ein ehemaliger Student der Medienwissenschaften an der Uni Zürich war).

Wie stehen die Chancen der Medienkritik in der Schweiz?

Gottlieb F. Höpli, Präsident des Vereins Medienkritik Schweiz, hob in seinem Eingangsreferat den kleinen Arbeitsmarkt für Medienangestellte hervor. Das “Jahrbuch Qualität der Medien”, das von Herr Prof. Kurt Imhof mitverfasst wurde, habe es geschafft, die Leistungen von Medien mit dem Funktionieren von Demokratie zu verlinken. Das sei wichtig. Mit Verweis auf Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supinos Beitrag im hauseigenen Magazin mutmasste Höpli, dass sich dessen “Don‘t worry, be happy” wohl mehr an die Tamedia-Aktionäre gerichtet habe, als an jene, die sich Gedanken über die Zusammenhänge zwischen Medien und Demokratie machten.

Medienkritik by jedefrau/jedermann, ja bitte!

Prof. Vinzenz Wyss, Institut für Angewandte Medien Wissenschaft Winterthur, betonte daraufhin in seinem Referat, dass Medienkritik unabhängig sein müsse und es heute ihr Hauptproblem sei, die Öffentlichkeit nicht zu erreichen. Es brauche eine Kritik der Medienkritik, eine Beobachtung dritter Ordnung von Seiten der Zivilgesellschaft, weil die Medienkritik durch Medienschaffende nur bedingt funktioniere – dies angesichts von Vorwürfen wie „Konzernjournalismus“ oder intransparenten Fragen bezüglich der Unabhängigkeit von Medien. Wyss erläuterte daraufhin, wie der Verein Medienkritik Schweiz die zivilgesellschaftliche Medienkritik fördern wolle. Ausreichend seien nicht allein medienkritische Inhalte, diese bräuchten auch Resonanz. Eine Resonanz, die sie in den Medien aus den genannten Gründen zu wenig fänden. Darum habe der Verein Medienkritik Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Institut für Angewandte Medienwissenschaft in Winterthur die Online-Plattform „Medienkritik Schweiz“ lanciert (zum Veranstaltungsbericht der Initianten). Autoren und Beobachter der Medienkritik dort sind Studierende. Er hoffe darauf, dass diese Beiträge via Social Media zu öffentlichen Debatten führten.

Dazu will ich als Betreiber einer Online-Plattform sagen, dass ich das auch hoffe. Aber Hoffnung allein reicht nicht. Nötig sind eine Strategie und ein hohes zeitliches Engagement, interessante Inhalte und (auch) verdiente Autoren auf der Plattform. Mein Hauptkritikpunkt an der jetzigen Plattform des Vereins: Ich kann nur Kommentare zu Beiträgen der Studierenden abgeben. So „entsteht“ kein Dialog. Genausowenig wie auf allen Online-Newsportalen in den Kommentarspalten zu einzelnen Artikeln kein Dialog entstehen kann. Das sind alles bloss Reaktionen. Jeder muss sich selbst fragen, ob er die „Reaktionen“, der anderen Kommentarschreiber überhaupt liest oder wenigstens überfliegt. Bei mir blieb zudem die Frage offen, ob sich Studierende wohl tatsächlich kritischer verhalten werden, schliesslich wollen gerade sie durch ihr öffentliches Wirken vielleicht einmal Karriere machen – oder sich diese zumindest nicht durch zu kritische Beiträge verbauen?

Amüsante, messerscharfe Analyse von Oswald Sigg

Oswald Sigg, alt Vizekanzler und Bundesratssprecher, sorgte meines Erachtens für das Highlight des Abends. Sein Impulsreferat unter dem Titel „Das Mediensystem im Ungleichgewicht“ war genial. Gottlieb F. Höpli hatte ihn gebeten, über die Auswirkungen der Public-Relations-Kultur auf die öffentliche Kommunikation, auf das Bundeshaus und auf die Medien zu schildern.

Siggs Schilderungen der Informations-„Leistungen“ des Eidgenössischen Militärdepartements EMD (heute VBS) in den 1980er-Jahren war ganz grosses Kino. Der Entscheid, positive Mitteilungen – z.B. Rettung einer Kuh per Helikopter – nicht mehr auf grauem, sondern lindengrünem Papier zu verbreiten und die äusserst zurückhaltende Information der Öffentlichkeit liess tief in die noch gar nicht so lange zurückliegende Vergangenheit behördlicher Information blicken. Vermutlich 1988, erinnerte sich Sigg, habe dann Bundesrat Ogi verkündet, der Bund müsse ein Unternehmen werden. In den 1990er-Jahren folgte die Einführung von New-Public-Managment und damit quasi-unternehmerischer Organisationsformen wie z.B. „Geschäftsleitungen“. Und auch die Mentalität des Beamten habe sich geändert: Der alte Typus sei abgeschafft worden und an seine Stelle der „Angestellte“ getreten.

Siggs Anekdoten liessen die Anwesenden schmunzeln, bisweilen gar lachen. Doch die Aussagen, die er machte, waren meiner Meinung nach messerscharf – und jeder bekam dabei seinen Teil ab. Im Zuge des beschriebenen Paradigmenwechsels habe der Bund von Information zu Kommunikation gewechselt. Weil ihm – anders als einem privatwirtschaftlichen Unternehmen – aber Werbung verboten sei, habe er begonnen unter dem Namen „Kommunikation“ Public Relations zu betreiben. Den vormals massgeblichen Richtlinien der Information (Sachlichkeit, Kontinuität …) sei das gemeinsame Ziel gegeben worden, die Glaubwürdigkeit des Bundes zu stärken. Der Fokus sei von nun an gewesen, den Departementschef möglichst gut dargestellt zu wissen. Wie Sigg weiter ausführte, komme diese Art von PR-Strategie den Bürger teuer zu stehen – insbesondere wenn man zur eigentlichen Verwaltung noch die Bundesunternehmen hinzuzähle: insgeamt komme man dann auf 700 Kommunikationsfachleute. Worunter sich häufig ehemalige Journalisten befänden. Dazu kämen noch die Aufträge an Dritte, Kommunikationsfirmen – und bei diesen arbeiteten auch häufig ehemalige Journalisten.

Sigg zog das Fazit, dass die einzelnen Bundesräte viel zu stark mit jener Politik in Bezug gesetzt würden, die nicht sie, sondern der Gesamt-Bundesrat festlege. So sei die Personalisierung gefördert worden. Sigg gab zu bedenken, dass Parteien Public-Relations betrieben. Dass ein Teil der Bundeskommunikation jedoch auch PR sei, das sei gefährlich.

Oswald Siggs Redetext finden Sie hier.

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4 Antworten auf „Medienkritik: Wie stehen die Chancen in der Schweiz?“

  1. Sigg hat schon 2008 in der NZZ fundiert analysiert, warum sich der Bund soviel Kommunikation leistet – nicht weil er keine Werbung machen kann, sondern weil eine unkritische Presse, die einfach alles ungeprüft nachplappert, es ihm erst ermöglichen (cf. http://www.wortgefecht.net/presseschau/aergernis-oder-notwendigkeit/). Leider ist auch das PDF des Artikels nicht mehr zugänglich.

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  1. 1 Zürcher Presseverein » Wind in den Segeln
  2. 2 Kapitalismus: oder bloss das Ringen der Sesshaften? |

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